Wir fahren nach La Paz

Klingt ja erstmal nicht so spannend, immerhin haben wir das alle schon zwei- dreimal gemacht. Einfach vormittags ans Terminal gehen, Ticket kaufen, abends losfahren, einschlafen und um sieben Uhr morgens in La Paz wieder aufwachen. Das war der Plan am Freitag.

Jedenfalls bin ich dann Samstag Vormittag aufgewacht, schau auf mein Handy, und da ist ne Sprachnachricht von Elena drauf, die ungefähr so lautete: „Hey Max wir waren grad am Terminal, und es gibt wegen der bloqueos in Potosi keine Busse nach La Paz. Aber wir wollens trotzdem versuchen heute Nacht irgendwie dahin zu kommen. Kommst mit?“ – „Klaro! Wird schon alles irgendwie. Sind ja in Bolivien“

Bloqueos sind übrigends Straßensperren. Das machen die Leute ab und zu mal wenn ihnen was nicht gefällt. Ich glaub diesmal gings drum, dass Evo den Bezirk Potosi nicht genügend unterstützt, und das stinkt den Leuten natürlich. Ein anderer hat gemeint es geht darum dass Potosi einen internationalen Flughafen haben will. Auf 4000m. Klasse Idee. Aber irgendwie wundern mich solche Einfälle schon gar nicht mehr.

Ich also meinen Rucksack gepackt, zu meiner Familie runter und von dem Plan erzählen irgendwie nach La Paz zu kommen. Das hat mich erstmal ermutigt: Tante Mirtha: „Kein Problem. Du fährst einfach bis zu der bloqueo, läufst fünfzehn Minuten, und nimmst nen Minibus zur anderen Seite der Stadt“. Bruder Israel: „Du bist in Bolivien. Es geht immer alles irgendwie“ Carminia: „Selber schuld. Dann grillen wir unsere argentinischen Steaks halt ohne dich“ Mäh.

Erste Etappe: Sucre- Potosi Bloqueo Richtung Sucre

Elena, Jasmin, Randi und ich haben uns also im Zentrum getroffen und sind dann ans Terminal um einen Bus nach Potosi zu nehmen. Naja. No hay (No hay = Gibt’s nicht / Geht nicht / Will nicht / Is nicht.) Also raus aus’m Terminal, Taxifahrer anhalten und sagen dass wir nach Potosi wollen. Er so klar, bis zur Bloqueo halt, Einsteigen und losfahren. Auf dem Weg hab ich mir noch eine originale Ray Ban für 3 Euro fuffzich gekauft (wirklich original! Hab nachgefragt) und der Rest der Taxifahrt war dann ganz normal. Der Fahrer hat mir seine Lebensgeschichte erzählt (31 Jahre, eine achtjährige Tochter, hat mal drei Jahre in Argentinien gearbeitet und wohnt jetzt zwischen Potosi und Sucre), hat uns faszinierende Felsformationen in Herzform gezeigt (Das soll ein Herz sein? Meinetwegen) und hat über seine Nachbarländer gelästert. (Argentinier? Alles Schwächlinge! – Chilenen? Alles Schwuchtel!) Nach zwei Stunden standen wir dann vor einem großen Kieshaufen der mitten auf der Straße lag, haben bezahlt und noch gefragt wie weit es denn nach Potosi zu laufen ist. „Ne Stunde oder so“ Kein Problem oder?

Zweite Etappe: Potosi Bloqueo Richtung Sucre – Potosi (Stadt)

Wir also das „Herr der Diebe“-Hörspiel auf dem Handy angemacht, Schokolade ausgepackt und fröhlich losgewandert. Nach zwanzig Minuten kommen uns ein paar Leute mit Rucksäcken entgegen die uns so völlig entsetzt angeschaut haben: „Ihr wollt nach Potosi? Sechs Stunden laufen! Zwei durch Potosi! Und dann nochmal zwei bis ihr zu den Flotas nach La Paz kommt! Geht doch wieder nach Sucre!“ – „Ne. Wir kommen da her, wir wollen nach La Paz“ – „Dann fahrt halt später. Geht halt in euer Hostel zurück und ruht euch noch ein paar Tage aus“ – „No somos turistas! (Wir sind keine Touris). Wir nehmen einfach ’n LKW und fahren nach Potosi“ – „Ja aber die nehmen keine Gringos mit“ (Schwachsinn. Bolivianer nehmen alles und jeden mit, wenn man freundlich ist. Lächeln und winken funktioniert immer) – „Jaja danke für deine hilfreichen Tipps, wir machen uns mal auf den Weg“. Und es kam dann auch so. Eine Stunde laufen, bisschen auf die Ladefläche von ’nem LKW setzen, Stunde laufen, in nen Minibus quetschen, Stunde laufen und da war Potosi! Juhu. Bis wir gemerkt haben, dass die ganze Stadt tot ist. Wir dachten die blocken einfach nur die Straßen Richtung La Paz und Sucre, dass der Fernverkehr nicht durchkommt. Falsch gedacht. In Potosi herrschte Generalstreik. Shit. Aber was sollten wir denn machen? Zurück ging’s nicht mehr, und wir wollten ja auch nicht zurück. Also rein in diese Stadt. So langsam nahmen die Straßensperren auch Form an. Ein paar ausgebrannte Autoreifen, Stacheldraht und einmal ist neben uns auch irgendwas explodiert. Na also geht doch! Kieshaufen sind halt echt nicht so beeindruckend…

Dritte Etappe: Durch Potosi

Mittlerweile war es sieben Uhr abends, wir hatten Hunger und somit haben wir uns ein kleines Lokal gesucht in dem es Suppe, Hühnchen und Fleisch gab. Da liefen auch Nachrichten in denen die Geschehnisse des Tages in Potosi zusammengefasst wurden. Kurz: Viele wütende Menschen mit Stöcken und Steinen auf der einen Seite, Wasserwerfer auf der anderen. Huch. Aber ist ja Nacht, das ist doch mittlerweile alles vorbei… Wir haben also schnell den Fußweg von Potosi nach La Paz gegoogelt (Sechs Tage 17h) und sind immer noch guter Dinge losgelaufen (Wir waren immer vollkommen zuversichtlich dass das klappt). Irgendwann erspähen wir ein Auto und winken es zu uns her. „Hey kannst du uns auf die andere Straße der Stadt fahren, da wo die Straße nach La Paz ist?“ – „Es ist bloqueo. Eigentlich nicht. Keiner darf arbeiten“ – „100 Bolivianos?“ – „Okay. Steigt ein“ Wir haben jemand bestochen! Nach zehn Monaten! Endlich! Und damit ging die grusligst Taxifahrt aller Zeiten los. Der Taxifahrer fährt also los, fährt zickzack durch die Stadt, und kommt bei einer etwas breiteren Straße raus, auf der blöderweise aber immer noch Leute unterwegs waren. Und die haben das mit dem Arbeitsverbot ein bisschen ernster genommen als unser bestechlicher Kollege. Die kamen dann mit ein paar Holzstöcken auf uns zu und haben irgendwas geschrien. Rückwärtsgang, eine quadra weiter hoch, über die Straße, und weiter. Am linken Straßenrand stand ein Polizeiauto, aber das war kein Problem. DIE haben das Arbeitsverbot nämlich ernst genommen. Als wir vorbeirollten (Motor und Licht waren öfter mal aus. Zu Tarnzwecken) hat uns der bolivianische Gesetzeshüter angeschaut, und seinen Sitz in Liegeposition gestellt. (Kein Scheiß!) Etwas später kamen wir dann zum nächsten Hindernis. Ein Stacheldraht der über die Straße gespannt war. Der Taxifahrer guckt mich kurz an, und sagt: „Kannst du den mal kurz hochheben?“ Max steigt aus, hebt den Draht hoch, kommt ne dicke, böse Bolivianerin auf mich zu und schreit: „Hier geht’s nicht durch“. Um ihren Wörtern etwas mehr Nachdruck zu verleihen hat sie mit einem Holzknüppel bei jedem Schritt auf die Straße geschlagen. Sah mit den dunklen Gebäuden die in orangefarbenes Licht von den Straßenlaternen  getaucht waren echt beeindruckend aus. Ich guck also den Taxifahrer, den Stacheldraht immer noch in der Hand, an: „Und was jetzt?“ Nach kurzer Bedenkzeit: „Steig ein. Wir fahren anders“ Danke dafür. Die sah echt böse aus. Also dritter Versuch. Es ging auf eine zweispurige Straße, bergab da kommt uns ein anderes Auto entgegen! Wir waren nicht allein! Was der uns erzählt hat war allerdings weniger prickelnd: „Da vorne sind sieben djangos, die Steine auf die Straße schmeißen. Da geht’s nicht weiter.“ Verflixt. Unser Taxifahrer musste es aber natürlich selber wissen. Wir lassen uns also ohne Licht den Berg runterrollen bis kurz vor eine langgezogene Rechtskurve hinter der Geschrei hervorkommt. Der Taxifahrer schaut uns an und sagt: „Wir tun jetzt so als hätten wir ’ne Panne. Bleibt drin und verhaltet euch ruhig“ Das hat das ohnehin schon mulmige Gefühl im Bauch nicht direkt verbessert… Wir sitzen also im Auto, heben eine Scheißangst, der Taxifahrer schlägt mit einem Stein auf seinem Motor herum als auch die sieben besagten djangos auftauchten. Die schmissen tatsächlich Steine auf die Straße, wohl mit der Ausrede damit Autos aufhalten zu wollen. Meiner Meinung nach wollten die halt auch mal Anarchist spielen. Der Plan von unserem Taxifahrer mit der Panne hat auch ganz gut funktioniert. Bei fünf von sieben. Ein Typ und ein Mädel kamen aber auf unser Auto zu, Steine in der Hand. Der Typ war ganz nett, der wollte unserem Chauffeur sogar helfen seine Panne zu beheben. Das Mädel allerdings guckt auf die Rückbank, sieht die drei Mädels schreit „Der fährt Touristen rum“ Elena, Jasmin, Randi und Max im Chor: „No somos turistas!“ Einzelne Stimmen „Willst du unser Carnet sehen?“ – „Wir arbeiten in Sucre“ – „Unsere Organisation braucht Hilfe in La Paz. Und zwar schnell!“ War der alles egal, reisst die Radkappe von unserem Auto ab und türmt. DAS war unserem Taxifahrer dann aber endgültig zu viel. Brüllend, mit Stein in der Hand rennt er dem Mädel hinterher, die schmeißt die Radkappe frisbeestyle auf die Straße und nimmt die Beine in die Hand. Unser Kollege sammelt in aller Seelenruhe seine Radkappe ein, klemmt  sie wieder an sein Rad, macht die Motorhaube zu, setzt sich, lässt den Motor an, schaut uns an und fährt uns zum Stadtrand. Wir waren durch! Zum Abschied haben wir uns gegenseitig noch Glück gewünscht, und für uns ging’s weiter Richtung La Paz.

Vierte Etappe: Potosi (Stadt) – Potosi Bloqueo Richtung La Paz

Es wurde mittlerweile echt kalt so auf 4000m im Winter. Aber wir sind ja gelaufen und wir trafen auch immer wieder Menschen, die an Lagerfeuern standen und sich wärmten. Das waren meist Lastwagen- und Flotafahrer, die in Potosi feststeckten. Wir haben also ein paar gefragt wie weit es denn noch sei bis zum Ende des Bloqueo, an dem die Flota Richtung LA Paz fahren sollte. Die Antworten waren unterschiedlich. Zwischen zehn Minuten und dreißig. Die Hälfte war sich sicher dass es für uns auf jeden Fall weitergeht, die andere Hälfte nicht. Diese Hälfte lud uns zu „meat and mead“ an ihren Feuern ein, aber wir wollten doch nach La Paz. Versteht das denn keiner? Antwort: Nein! Warum können diese Gringos sich nicht einfach ein paar Tage hinsetzten und ausruhen? Wir also weiter. Gelaufen und gelaufen. Kilometerweise standen da die LKWs und Busse hintereinander und es war stockfinster. Ab und zu hört man einen Motor, jedesmal hofft man, dass das die Flota ist die Richtung La Paz fährt. Jedesmal ist es nur ein LAstwagenfahrer der den Motor anmacht um seine Heizung anzuschmeißen. Nach Kurve denkt man, dass wir doch bald am Ende sein müssten. Jedesmal stehen wieder zwanzig LKWs da. Uns kamen ein paar Leute entgegen. „Gibt’s noch was Richtung La Paz? Oder Oruro?“ – „JA eine Flota steht da noch. Die fährt aber gleich los!“ Wir also schneller gelaufen, und diese LKW-Schlange nahm einfach kein Ende. Und auf eine Nacht in dieser Kälte hatten wir echt keine Lust. Plötzlich: Laufender Motor! Wir gucken um die Ecke. Flota mit Warnblinkanlage! In die richtige Richtung! Losrennen! Schreien! „Wo fahrt ihr hin?“ – „Oruro“- „Noch Platz?“ – „Ja. Steigt ein!“
Gotcha!

Fünfte Etappe: Potosi Bloqueo Richtung La Paz – Oruro

Es ist ein richtiges Triumphgefühl wenn man in der Flota sitzt und an all die Leute denkt die sagten, dass es nicht möglich ist durch Potosi zu kommen (Touris. Lastwagenfahrer. Restaurantbesitzer. Passanten. Moira). Wir also überglücklich in der Flota, die drei Mädels saßen hinten, ich in der zweiten Reihe neben ’nem Bolivianer. Letztendlich steigt die Frau ein und will das Geld für die Tickets einsammeln: „Alles klar. 40 von jedem!“ Und dann ging’s los. Anscheinend hatte sie nämlich vor ner Stunde gesagt, die Fahrt würde nur dreißig kosten. „Jetzt nutzen sie die Situation nicht aus“ – „Vierzig ist der Normaltarif“ – „Nein dreißig!“ – „ES KOSTET VIERZIG! ALLEN DENENS NICHT PASST STEIGEN BITTE AUS“ – „KEINER STEIGT AUS!!!“ Volk: „Dreißig! Dreißig! Dreißig!“. Frau zieht ab. Fünf Minuten später kommt sie wieder. Fängt vorne an „Zahlen Sie vierzig?“ – „Nö!“ – zum Nächsten „Und Sie?“ – „Auch nicht!“ Erspäht den blonden Gringo in der zweiten Reihe: „Du zahlst bestimmt vierzig, oder?“ blonder Gringo grinsend: „NÖ!“ Schulterklopfen vom Sitznachbar. Frau zieht wieder ab. Zehn Minuten später. Frau kommt wieder „35!“ Geschrei der Busbevölkerung geht wieder los. Bolivianer: „Dann schlafen wir halt hier drin! Morgen kommt wieder ’ne Flota!“ Jubel allerseits. Mir wurd’s aber dann doch zu blöd. Ich bin ausgestigen hab mir die STerne angeguckt und mich mit einem Typen aus Cochabamba unterhalten der auch keinen Nerv mehr für die Diskussion hatte. Eineinhalb Stunden später hatten dann alle ihre 35 gezahlt. Einsteigen, es geht los. Ab nach Oruro.

Sechste Etappe: Oruro – La Paz

In Oruro kommt man so um vier Uhr Morgens an und es ist unglaublich kalt. Leute die Tickets nach La Paz verkaufen springen einen aber förmlich an. Wir haben uns also das erstbeste gekauft, uns in die Flota gesetzt, in die Schlafsäcke gekuschelt und relativ fix eingeschlafen. Drei Stunden später waren wir in La Paz. Nach zwanzig Stunden in zwei Taxis, einem Minibus, zwei Flotas, auf einem LKW und zu Fuß.

Gastbruder Israel hatte doch recht: „Du bist in Bolivien. Es geht immer irgendwie“ Man muss nur wollen.

Wir haben in La Paz dann das CEMVA angerufen. Dass wir in La Paz sind. Und wir wegen der bloqueos bis Montag nicht zurückkommen. Zurück sind wir über Cochabamba.

Advertisements